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Gedanken zum Rundschreiben
Februar 2005 von Kathi Eicke:
Zucht, Genetik und der Fortbestand einer Rasse
Mit großem Interesse habe ich das
Rundschreiben vom Februar 2005 gelesen.
Da ich, als früheres leitendes Mitglied, in einer kleinen Zuchtgemeinschaft
(als Interessengemeinschaft einem Rassezuchtverein außerhalb des
VDH angegliedert) mit eben dieser Problematik konfrontiert war, kann ich
mich dem zuchttechnischem Inhalt des Rundschreibens nur voll und ganz
anschließen.
Gerade bei kleinen Populationen einer Rasse
ist es mehr als wichtig, die Verpaarungen mit äußerster Umsicht
zu planen. Jeder Züchter ist mitverantwortlich für den Fortbestand
seiner Rasse und sollte jeden Wurf sorgfältig planen und keinesfalls
seine Zuchtmotivation auf geographische (der Nachbar hat einen Rüden),
familiäre (1x Welpen haben weil es so schön ist) oder egoistische
(ich will auch dazugehören) Gründe aufbauen. Damit ist der Rasse
wenig geholfen. Zwar ist es auch wichtig, dafür zu sorgen, daß
der Nachwuchs nicht stagniert - ebenso wichtig ist es aber auch die genetische
Vielfalt des Genpools zu erhalten und zu verbessern. Ein Beispiel dazu:
Ein Züchter hat eine Hündin und einen Rüden und züchtet
mit diesen beiden Hunden 5 Würfe. Für den Genpool ist nur ein
einziger Nachkomme dieser 5 Welpen von Interesse. Der Rest ist "nur"
Masse mit gleicher genetischer Ausstattung.
Aus diesem Grund ist es wichtig, möglichst
viele Hunde in die Zuchtplanung mit einzubeziehen, möglichst keine
Wurfwiederholungen vorzunehmen und nach immer neuen Blutlinien Ausschau
zu halten. Hundezucht ist immer mit Risiken verbunden - trotzdem sollte
es dem Züchter an Mut vor Neuem nicht mangeln.
Hundezucht ist kein Buch mit sieben Sigeln
und kein perfekter Züchter ist jemals einfach so vom Himmel gefallen.
Daher auch noch einmal von mir der Aufruf an alle Islandhundbesitzer sich
doch einmal zu überlegen ob sie nicht aktiv etwas für diese
wunderbare Rasse tun möchten und mit ihren Hunden einen wichtigen
Beitrag zum Erhalt und zur Verbesserung beitragen möchten. Kein Zuchtanfänger
wird auf sich allein gestellt sein, denn Züchter und Verein werden
mit Rat und Tat jedem Interessierten bei Seite stehen. Davon bin ich überzeugt.
Für alle Interessierten füge ich
noch einen Text von Hellmuth Wachtel (Autor von: Hundezucht 2000) an:
Genetik: Die Tücke des Zufalls
Ein Beitrag von Hellmuth
Wachtel
Hundezucht im Zwiespalt
zwischen Genfixierung und Genverlust
Hundezucht hat zwei Ziele: einerseits die Erzielung standardgemäßer,
typischer Tiere bzw. bei Gebrauchshundrassen auch in bestimmter Richtung
leistungsfähiger Zuchtprodukte. Das erfordert zunächst, eine
bestimmte Anzahl von Genpaaren (Allelen) in doppelter Ausführung
(Heterozygotie) zu haben, um die betreffende Eigenschaft (Farbe, Haarart,
Größe usw.) in der Rasse bzw. Zuchtlinie zu fixieren. Das bedingt
nun die Einengung des gesamten Erbgutes durch Engzuchtmaßnahmen,
die unweigerlich zu Verlusten an wertvollen Gene führen, mit den
bekannten Folgen der Inzuchtdepression und der Zunahme der Erbkrankheiten.
Schuld daran ist - der Zufall!
Kopf oder Adler und die Hundezucht
Wir können uns das verständlich machen, wenn wir an das Werfen
einer Münze denken: werfen wir einmal, so gibt es nur ein Resultat
- Kopf oder Adler, es ist also jeweils eine Alternative ausgeschlossen
worden, verloren gegangen, das sind 50% der möglichen Ergebnisse.
Werfen wir zehnmal, so werden wir höchstwahrscheinlich beide Ergebnisse
erzielen, wenn auch kaum im Verhältnis 50:50, d.h. es wird fast immer
eine Alternative auf Kosten der anderen öfter zum Zug kommen.
Je öfter wir aber werfen, um so näher kommt das Resultat dem
Gleichgewicht näher, bei sehr großen Wurfzahlen wird es dieses
fast erreichen, so daß dann beide Möglichkeiten in ungefähr
gleichem Ausmaß zur Geltung kommen.
Genau darauf hat die Natur aufgebaut, denn sie arbeitet in der Regel mit
sehr großen Populationen einer Tierart. Dies bedingt, daß
im Normalfall in natürlichen Fortpflanzungsgemeinschaften Genverluste
- die bei solchen Mengen an Tieren ohnehin minimal sind - und Neubildung
von Genen durch Mutation mehr oder weniger im Gleichgewicht stehen. Große
Populationen sind die Voraussetzung für das bisexuelle Fortpflanzungssystem,
bei dem jeweils ein Einzelgen (Allel), das rezessive, der Selektion zum
Großteil entgeht, da es sich hinter dem für das Einzeltier
meist allein maßgebenden dominanten Allel "versteckt",
d.h. nicht zur Auswirkung kommt. Ein Schadallel wird nur äußerst
selten mit einem zweiten solchen in einem Individuum zusammentreffen,
das infolgedessen erbkrank ist und so gut wie sicher in der Natur nicht
zur Fortpflanzung kommt. Der entscheidende Vorteil der geschlechtlichen
Fortpflanzung, die immer neue Kombination von Genen, überwiegt diesen
in natürlichen Populationen unbedeutenden Nachteil, so daß
sich aber Allele "zweiter Güte" und eben auch Schadgene
in solchen Populationen durchaus halten können. Das Vorhandensein
von jeweils zwei verschiedenen Allelen an einer großen Zahl von
Genpositionen im Erbgut (Heterozygotie) fördert in besonderem Maße
die Lebenstüchtigkeit eines solchen Individuum, sei es, weil es auf
ein größeres Inventar an Enzymen verfügt, sei es, weil
bestimmte Allele sich gegenseitig fördern.
Der züchterische Eiertanz
Bei kleinen Populationen - und das gilt in gewissem Maß für
praktisch alle Hunderassen, da auch die zahlenmäßig großen
von nur wenigen Stammeltern abstammen - hat der Zufall entsprechend größere
Chancen, einzelne Allele zu fixieren (d.h. es gibt in dieser Rasse dann
kein anderes Allel für diesen Genort) bzw. zu eliminieren. Wie gesagt,
das soll ja auch so sein, wenn wir rassetypische Eigenschaften verankern
und nicht-rassetypische ausscheiden wollen. Nur kommt es da zu einem Eiertanz,
weil eben auch unerwünschte, die wir aber als solche nicht oder vorderhand
nicht erkennen können, in viel größerer Zahl fixiert werden
und ebenso viele erwünschte auf Nimmerwiedersehen verloren gehen
können. Das sind vor allem Vitalitätsfaktoren, wie Fruchtbarkeit,
Widerstandsfähigkeit, Instinktsicherheit, geistige und körperliche
Leistungsfähigkeit usw.
Nun sind ja gottlob die rassetypischen Merkmale in unseren Rassen heute
meist schon ausreichend fixiert. Was nun ganz dringend erforderlich erscheint,
ist die genetische Vielfalt zu erhalten bzw. zurück zu gewinnen,
also überlegte Auszucht mit rassetypischen und ähnlichen, aber
verwandtschaftlich einander fernstehenden Tieren durchführen. Durch
die Erhöhung der genetischen Vielfalt steigt die Leistungsfähigkeit
aller physiologischen Funktionen und damit der allgemeine Gesundheitstatus
der Zuchtprodukte. Die Defektgene sind damit nicht ausgemerzt, aber sie
haben viel weniger Möglichkeiten, in einem Individuum zusammenzutreffen,
so daß es phänotypisch erkrankt ist.
Die Kampfmittel gegen Erbfeind Zufall sind daher drei:
1) statt auf Engzucht auf Auszucht setzen
2) möglichst viele Rüden in einer Rasse zur Zucht verwenden,
keine Rüden übermäßig bevorzugen, denn vor allen
dadurch verbreiten sich Schadgene weithin in der Population
3) trachten, die Zuchtpopulation der Rasse zu erhöhen und hoch zu
erhalten.
Durch Leistung zum Sieg über den verhängnisvollen Zufall?
Dies sind die wichtigsten Maßnahmen zur Erhaltung der Erbgesundheit.
Sie sind höchst notwendig, denn auch die FCI kritisiert bereits vehement
die Erbdefektbelastung verschiedener Rassen. Darüber hinaus scheint
es jedoch noch eine dritte, zusätzliche Möglichkeit zu geben,
die genetische Vielfalt zu erhöhen. Es ist eine in der Genetik bekannte
Tatsache, daß der Engzuchtdepression entgegengewirkt werden kann,
wenn auf Heterozygotie selektiv gezüchtet wird. Dies könnte
u.U. auch in der Hundezucht züchterisch nutzbar gemacht werden bzw.
vielleicht erfolgt dies bereits unbewußt. Gemeint ist die Zucht
von Hunden, denen besondere physische und psychische Leistungen abverlangt
werden.
Eine gewisse Selektion auf Leistung ist daher für alle Rassen sehr
günstig, wird sie allerdings übertrieben, führt auch die
Selektion zu genetischer Verarmung! Diese Gefahr ist leider auch dann
gegeben, wenn Erbdefektträger bestimmter Krankheiten durch neue Gentests
erkannt werden können und man zu viele dieser Tiere aus der Zucht
ausscheidet. Vielmehr muß man zunächst durch Paarung von im
Übrigen wertvollen Defektträgern mit Defektgen freien Tieren
die Krankheit in der Nachzucht verhindern und nur allmählich den
Anteil der Defekträger vermindern.
Sanierung einer Rasse durch Erhöhung der genetischen Vielfalt
Gleichzeitig muß jede Inzucht und Linienzucht vermieden werden und
durch assortative Paarung( Paarung von Tieren mit ähnlichen, gewünschten
Merkmalen) mit möglichst wenig verwandten ersetzt werden. Anzustreben
ist ein Inzuchtkoeffzient der Nachzucht von zunächst maximal 6,25%,im
Endziel möglichst auf zehn Generationen errechnet. Von solche Tieren
kann man erwarten, daß sie keine Inzuchtdepression, sondern eine
hohe genetische Wertigkeit aufweisen und ihre Lebensdauer der von Mischlingen
entspricht (diese werden im Durchschnitt um 1 - 2 Jahre älter als
Rassehunde und ihre Lebensdauerkurve sinkt nach Untersuchungen im Gegensatz
zu den Rassehunden erst mit beginnender Alterung stärker ab. Bei
nicht ingezüchteten Hunden ist also die Gefahr eines verfrühten
Ablebens viel geringer.
Jede Einengung der genetischen Vielfalt (Inzucht, Linienzucht, zu wenige
Zuchttiere oder zu wenige Deckrüden in einer Rasse) führt zur
Vermehrung von weniger wertvollen Allelen und Schadallelen in einer Rasse
bis zur Fixierung sowie zum Abnehmen und zum Verlust wertvoller Allele.
Dem muß durch möglichste Vermehrung des Zuchttierbestandes,
Absenkung des Inzuchtkoeffizienten durch Paarung nicht oder wenig verwandter
Zuchttiere, sowie durch ein engeres Geschlechterverhältnis bei der
Zucht entgegengewirkt werden. Ein solches erfolgreiches Sanierungsprojekt
hat die Deutsche Landseergesellschaft unternommen. Es gelang dadurch,
die Inzuchtdepression (Rückgang der Fruchtbarkeit und Vitalität)
zu besiegen. Durch Stammbaumanalysen und/oder Gentests kann man auch eventuell
vorhandene wertvolle, seltene (d.h. mit der übrigen Rassepopulation
wenig verwandte) Individuen herausfinden, die dann vermehrt in der Zucht
ein zu setzen sind.
Außerdem gibt es Hinweise, daß zusätzlich die Bevorzugung
von Tieren mit hoher physisch-psychischer Leistungsfähigkeit zu einer
Verbesserung der genetischen Vielfalt führen könnte,was aber
noch der wissenschaftlichen Überprüfung bedarf. Durch DNS Tests
können Tiere mit höherer genetische Vielfalt festgestellt werden,
sowie auch die tatsächliche genetisch Distanz zwischen zwei präsumptiven
Paarungspartnern, um so Nachzucht mit höherer genetischer Vielfalt
zu erhalten.
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Hier noch ein paar Passagen aus "Hundezucht
2000" von Hellmuth Wachtel, welche sehr nachdenklich stimmen:
"Die letzten "Naturrassen"
zu Rassehunden "hochzuzüchten", um sie zu retten, heißt
sie vom Regen in die Traufe zu bringen.
Um sie zu erhalten, müßte man so viele Linien wie möglich
nach populationsgenetischen Grundsätzen zur weitgehensten Bewahrung
ihrer genetischen Vielfalt züchten. Doch das Gegenteil ist der Fall:
Inzucht, Übertypisierung und Championzucht vernichten alsbald einen
Großteil des vorhandenen genetischen Erbguts und schließlich
kann es sein, daß der ursprüngliche Hund in den fashionablen
Zuchtprodukten kaum mehr zu erkennen ist"
"Auch wenn das viele Zuchtvereine nicht
hören wollen, vielfach viel wichtiger noch als die Selektion ist
der in der heutigen verfahrenen Situation eine Verbreitung der genetischen
Zuchtbasis!
Nach dem bisher Gesagten würde man meinen, daß wir nur die
Wahl zwischen einem gesunden oder einem schönen Hund haben, aber
nicht erwarten können, sowohl schöne als auch gleichzeitig genetisch,
genotypisch, gesunde Hunde hervorzubringen. Das stimmt keinesfalls, wenn
es auch notwendig ist, mehr Exterieurvielfalt innerhalb der Rasse zuzugestehen,
denn andernfalls wäre ja die tierschützerisch zwingende Alternative,
die Züchtung von Hunden nach dem Standard überhaupt aufzugeben
und nur auf Gesundheit selektierte Mischlinge zu züchten"
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Das hört sich alles sehr kompliziert
an und einfach ist die Thematik 'Genetik in der Hundezucht' ganz bestimmt
nicht. Um so wichtiger ist es, daß sich alle Züchter und die,
die es einmal werden wollen, mit diesem Thema beschäftigen.
Hierzu gibt es eine große Anzahl von Büchern - manche gut,
andere schlecht, viele kaum laienverständlich.
Ich habe 3 Titel ausgewählt, welche auch für den Laien gut verständlich
sind:
Hundezucht 2000
von Wachtel, Hellmuth
Gesunde Hunde durch genetisches Management. Populationsgenetik für
Hundezüchter und andere Kynologen. Hundezucht nach neuesten genetischen
Erkenntnissen. Der neue Weg zu erbgesunden Hunderassen. Das Verhängnis
der genetisch bedingten Krankheiten. 2., durchges. Aufl. 287 S. m. Fotos
u. 30 graph. Darst.
1998 Gollwitzer
ISBN 3-923555-10-5
€ 32,80
Vererbung beim Hund
von Hansen, Inge
Das Handbuch für Züchter und Halter. Alles über Erbgesetze,
Zuchtkriterien und Erbkrankheiten. 2. Aufl. 176 S. m. meist farb. Abb.
2004 Müller Rüschlikon
ISBN 3-275-01396-3
€ 29,90
Handbuch der Hundezucht
von Hansen, Inge
Von der Wurfplanung bis zur Welpenabgabe. Mit großem homöopath.
Ratgeber. 2. Aufl. 221 S. m. z. Tl. farb. Abb.
2003 Müller Rüschlikon
ISBN 3-275-01307-6
€ 22,00
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